Drinnen vs. Draußen

Gestern habe ich ihn wieder gesehen, den Eifel-Ranger. Wie er da mit seinem Filzhut durch den Wald flaniert, mit seinem Fernglas über den ruhigen See gleitet oder einfach einsam durch die Felder streift….da ist er wieder: der klassische Traum jedes frustrierten Büroarbeiters. Da kämpft man sich täglich entnervt durch die Bürohierachien, wehrt Mobbingattacken und übergroße Egos ab, teilt auch mal eine gemobbte Stichelei aus und pflegt seine Eitelkeiten, hasst sein Betriebssystem (ja auch OS) und seine Warenwirtschaft und möchte einfach jede neue Mail einfach ungelesen heimlich in den Papierkorb schieben…am Ende ertappt man sich doch wieder dabei, wie man sehnsuchtsvoll aus seinem Bürofenster schaut auf die Welt da draußen: auf die Felder und Wälder, die herumlaufenden Menschen oder vielleicht auch nur auf eine gegenüberliegende Hauswand mit einem dreckigen Hinterhof darunter. Egal, alles ist schöner da draußen als hier drinnen. Ok, im Sommer mehr als im Winter, aber wie heißt es so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Und es stellt sich die Frage: Wer hat die bessere Karriere gemacht? Wir im Büro, die schon die ein oder anderer Karrierestufe erklommen und entsprechend unseren Lebensstandard aufgeblasen haben oder der kleine Ranger im Wald, der wahrscheinlich einiges weniger verdient, aber in seinem Job aufgeht? Ich denke, der Ranger hat im Gegensatz zu uns die „Karriere seines Lebens“ gemacht. Vielleicht ist es aber auch nur eine naive Ansicht aus meinem frustrierten Blickwinkel. Will man nicht immer genau das andere haben als das, was man hat. Und wenn man dann das andere hat, merkt man erst, wie gut das alte war, wenn man dann am anderen Standpunkt steht. Träumt der kleine Ranger vielleicht auch von einem schönen Bürojob im Warmen mit

netten Kollegen und ausgefuchsten Excelfomeln. Ich denke nicht.

Meine Eltern hatten früher eine große Gärtnerei und als Jugendlicher habe ich immer gesagt, dass ich den Betrieb nie übernehmen wolle: Immer raus aufs Feld müssen, immer was pflanzen, keine geregelten Arbeitszeiten. Ich frage mich, wie ich heute nach über 15 Jahren geregeltem Büro-Hocking entscheiden würde. Einfach Förster zu sein wäre schon der Hammer. Einfach durch die Wälder ziehen, die Rehe und Wildschweine zählen und Hundehalter anblöcken, wenn der Scheiß Hund wieder nicht an der Leine ist. Und wenn der Typ das nicht rafft, einfach dem Hund eins mit dem Betäubungsgewehr verpassen und dem Halter in die Hand drücken. „Bitte schön, wacht in 12 Stunden wieder auf.“ Und wenn der Typ dann auch „leinenpflichtig“ wird, kriegt der auch eins mit dem Gewehr. Dann bau ich mir am Waldrand einen Aufwachraum für Hunde und Halter und tapeziert die Wände mit einer rosa Katzentapette. Ach jaaaaaaa…..

Meine Mutter sagte letztens, dass sie meinen Job nicht haben wollte. Da sitzt man den ganzen Tag und starrt 8 Stunden in so einen Fernseher rein. „Was tippt man denn da so den ganzen Tag rein?“ Das war eine sehr gute und berechtigte Frage. Wenn ich uns mal von außen betrachte, sitzen wir wirklich alle 8 Stunden da und starren in so eine Kiste und tippen nur virtuellen Müll. Email, Word, Excel, Warenwirtschaft, Internet….und wenn der Server explodiert, wachen wir plötzlich auf und merken das draußen die Sonne scheint. Da kam mir direkt das Bild von diesen Sekretärinen in diesen Schwarz/Weiß-Filmen, die in Massen in einer großen Halle Tisch an Tisch an Schreibmaschinen sitzen und irgendwas tippen und keiner weiß was. Hat sich doch eigentlich nichts geändert. Ist jetzt nur in Farbe und etwas schicker. Oder auch nicht. Auf jeden Fall stellt man nichts wirkliches her. Am Ende des Tages hat man nichts, worauf man stolz blicken kann außer ein paar Umsatzzahlen oder Exceltabellen.

Vielleicht sollte man mit 35 doch mal überlegen, ob man nicht doch die Scheibenseite noch mal wechseln und den eingefahrenen Schienen ein Schnippchen schlagen sollte. Da draußen ist das Leben! Back to the roots…..oder doch alles nur ein naives Hirngespinst?

Hier der Link zum Film.


posted by Max Trojan in Die Welt and have Comment (1)

One Response to “Drinnen vs. Draußen”

  1. Marcus sagt:

    … und dann überlegt und plant und tut und letztlich ist man einfach zu eingefahren, zu bequem, zu satt um die ausgelatschten Pfade zu verlassen.
    Wenn Du die Motivation gefunden hast, um Deine Aufwach-Hütte im Wald zu tapezieren, gib mir ein Stück davon ab…

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