Geocaching vs. Schnitzeljagd für Nerds

Tach zusammen,

es ist soweit: die Zukunft hat uns eingeholt und ich schreibe aus meinem Urlaub meinen ersten Blog von unterwegs mit dem iPhone…soweit meine Wurstfinger es erlauben. „Blöder Iphone-Nerd“ werden jetzt manche sagen und schwupps…Zukunft…Nerds…da sind wir doch glatt schon beim heutigen Thema: das Geocaching. Auch bekannt unter „die Schnitzeljagd der Moderne“, „die mystische Parallelwelt unter uns“ oder „Die Nerdsuche nach der geringen Muggeldichte“.

Nun, ich habe im Bekanntenkreis und aus der Presse schon davon gehört und so begab es sich, dass ich letzte Woche raus aus der großen Stadt in die Natur an die schöne Sieg bei Eitorf fahren wollte. Wie ich dann so alleine an der Sieg rumhing, dachte ich mir:“Mensch, Benson, du hast doch die Welt in deiner Hand. Nimm doch mal dein iPhone, geh ins Internet und schau doch mal, wie das geht mit dem Geocaching und ob hier in der schönen Landschaft nicht ein Schatz zu heben ist.“ Gesagt, getan!

Jetzt mal kurz zur Erläuterung für alle, die noch nie was von Geocaching gehört haben: Es handelt sich um einen weltweiten Begriff für „Schatzsuche“ mittels einem Kompass und einem GPS-Geräts, hat also nichts mit geologischen Kacheln zu tun. Man kann nun unter geocaching.de auf einer Karte nachschauen, ob und wo jemand in meine Umgebung einen „Schatz“ versteckt hat. Dann bekommt man die GPS-Koordinaten (Längengrad für Norden und Breitengrad für Osten) und dann geht’s los. Manchmal muss man auch erst ein oder mehrere Rätsel vorab oder vor Ort lösen, um an die Koordinaten zu kommen, daher die Schnitzeljagdverwandschaft. Man ermittelt dann mit seinem GPS-Gerät oder iPhone, wo man sich anhand eines 5-stelligen Zahlenwertes auf den beiden Graden gerade befindet und weiß dann anhand des Zielwerte und des Kompasses, ob man mehr nach Osten, Norden, Westen oder sonst wo gehen muss. Ist man dann irgendwann möglichst nah an dem Zielpunkt angekommen, geht die Sucherei los: Wo hat der Jemand ein Döschen, Tuppadose oder Schachtel versteckt, worin sich ein Logbuch und vielleicht ein paar Tauschgimmicks versteckt haben.

Nun, hörte sich einfach und nach einem lustigen Zeitvertreib an und es gab sogar einen Punkt in der Umgebung meines zwischen Wald und Flur liegenden Parkplatzes mit dem nach großem Schatzabenteuer klingenden Name „MBC #3“. Also los…mein neues iPhone verfügt ja über einen integrierten Kompass mit GPS-Angaben, aber ich hatte keinen Ahnung,

was die Differenz der Soll- und Istwerte über die Entfernung aussagt. Zudem war durch die etwas langwierige Internetrecherche mein IPhone-Akku schon halbleer.

Jetzt wollte ich es aber wissen und marschierte an Pferdekuppeln vorbei Richtung Wald. Einen kurzen Gedanken, ein Pferd für die Schatzmission zu entwenden, verwarf ich schnell wieder und zog meinen Indy-Hut tiefer in Gesicht. Dann ging’s rein in den dichten Wald. Die Werte sagten, dass ich noch einiges nach Norden und etwas nach Westen musste. Also tiefer in den Wald, immer schön bergauf. Dann plötzlich eine Abzweigung des Waldweges nach schräg links und schräg rechts. Ich muss aber geradeaus. So ne scheisse!!! Sofort erhöhter Pulsschlag. Ich entscheide mich für rechts und hoffe, dort irgendwie die Kurve zu bekommen. Es geht tiefer in den Wald, kein Mensch weit und breit und immer noch bergauf. Aber durch den schönen Sonneneinfall in den schon leicht herbstlichen Wald kommt deutsche Romantik in mir hoch…oder einfach ein Hobbit-Gefühl. Der Waldweg wird immer schmaler und steiler und endete schließlich in einer Sackgasse. Ich hasse den Wald und lass dies ein paar Brennneselsträucher spüren. Jetzt alles zurück laufen, was mich koordinatenmäßig einiges zurückwerfen würde oder geradeaus durch den Wald kämpfen? Ich klapp meinen braunen Indy-Lederjackenkragen nach oben und kämpfe; zumal ich meinte, weiter oben schon die lichte Spitze des endlosen Waldberges zu erblicken. Nach einigen Metern war ich auch oben und durch die Büsche an einen neuen Weg gelangt mit freier Sicht zu rechten über grüne Felder. In dieser schönen Aue ist bestimmt der Schatz versteckt. MBC #3…die Mittelerdige Beutlingscreme, servierte im „Tänzelndem Pony“. Ich merke, dass ich schon über 1 Stunde herumirre und verdammt Hunger habe…also weiter.

Jetzt soll ich Nordost gehen, der Weg verläuft aber Nordwest. Egal, ich geh einfach mal, kommt bestimmt wieder eine Biegung. Es kommt aber keine und ich komme immer weiter vom Kurs ab. Es kann nicht mehr weit sein und ich müsste mich eigentlich nur links durch den Wald schlagen. Ich luke hinter die Bäume und sehe einen leichten Abhang der in einer Waldtalsohle endet und auf der gegenüberliegenden Seite geht es wieder hoch. Alles nur dichte Bäume mit Moos- und Laubboden. Ich entscheide mich für diesen radikalen „Back-to-nature“-Weg“, zumal ich nur noch 20% Akkuleistung habe. Doch hier ist auch der Zeitpunkt gekommen, wo ich mir eine Waffe wählen sollte. Dort unten mitten im Wald kann mir alles begegnen: tollwütige Wildschweine, freche Dachse, wilde Otterschlangen oder gar das ,neuerdings aus den Medien bekannte, gemeine Greiskraut, welches sich als freundlicher Rucolasalat tarnt, aber einfach nur meine Leber fressen will. Ich finde meine perfekte Waffe: ein 2m langer Ast mit einer „Krücken-Gabelung“, mit dem ich mich an den Abhängen abstützen und den och durch die Gabelung als brutalen Verlängerung meines Unterarms verwenden kann. Damit habe ich erstmal die ersten Dornen und Brennnesseln abrasiert und dann ging’s hinein.

In der Mitte der Talsohle war ich mitten im Nirgendwo, mitten in der Natur, nur Licht der untergehenden Sonne, Vögel, Laub und Bäume. Ich stellte mich mit meiner Waffe „Krückon“ auf einen Baumstamm, schaute über mein Anwesen und wurde eins mit dem Wald. Doch es war keine Zeit zum Verweilen. Es wurde schon leicht dunkel und mein Iphone-Akku frisst sich runter wie Termiten beim Stäbchenpakett. Also die andere Seite wieder hoch und tatsächlich war da ein Weg. Ich folge ihm, es kam eine Waldkreuzung, ich muss jetzt nach Westen, also biege ich links ab. Die Zahlendifferenz bei Nord ist schon fast bei 0, nur der Ost-Wert muss noch etwas kleiner werden. Doch der Weg geht immer weiter nach links, eine endlose Kurve. Ich muss aber doch gerade aus, doch dort ist ein richtig steiler Abhang mit nur dichtem Wald und endlosen Baumwipfeln und ich habe nur noch 10% Akku. Ich folge dem Weg zügig und werden vom Blitz getroffen. Ich bin wieder an der Kreuzung, der linke Weg war einfach ein „Kreisverkehr“, aller höchste Försterschikane!!! Ich will den Wald abfackeln, rauche aber nicht, daher kein Alibi um Feuer dabei zu haben. Fange morgen mit dem Rauchen an.

Jetzt ist es wieder Zeit für knallharte Entscheidungen: An der Kreuzung rechts gehen bringt mich sonst wo hin, auf jeden Fall weg von meiner Route und ich weiß nach fast 2 Stunden im Wald eh nicht mehr, wo mein Auto steht. Dewegen brauche ich die letzte Akkukraft und GoogleMaps. Ich kann aber auch jetzt nicht aufgeben, ich will meinen Schaatttzzzz!

Es gibt nur einen Weg: der steile Waldabhang. Laut meinen Werten muss der Schatz in gefühlten 100-200 Metern quer durch den Wald liegen. Doch eigentlich habe ich gar keine Ahnung. Egal, es wird langsam immer dunkler im Wald und ich entscheide mich, mich erstmal 20 Meter runterzukämpfen, um zu schauen, ob ich irgendwo einen Weg sehen kann. Krückon ist mir eine große Hilfe, damit ich mich nicht auf die Fresse lege und so schlidere ich mich von Baum zu Baum auf einem undefinierbaren Laubteppich. Ich habe große Angst, irgendwo in ein verstecktes Erdloch zu versacken und tapse mich immer weiter vorwärts in der Hoffnung, nach den nächsten 20 Metern was zu sehen. Ich sehe aber nur noch Wald und weiß eigentlich auch nicht mehr, wie ich zurückkomme. Das war es nun also: 6% Akkuleistung, ich mitten im Wald, es wird immer dunkler und wenn jetzt um die Ecke noch so ein verwahrloster Blair-Witch-Betonklotz kommt, schrei ich. Zudem ist hier bei Mutternatur nur ein Hauch von Telefonnetz.

Trotzdem setzte ich jetzt noch mal alles auf eine Karte und versuche, mit letzter Handy- und Netzkraft Google Maps aufzurufen, mich zu lokalisieren und so zuschauen, wo um mich herum noch Zivilisation sein könnte und in welcher Richtung ungefähr mein Auto sein könnte, bevor ich den Kontakt zur Außenwelt komplett verliere und mich die Schatten des Waldes verschlingen. Das Iphone muss sich enorm gegen das schlechte Netz aufbäumen und bekommt doch nach gefühlten 15 Minuten eine Karte aufgebaut und ich sehe einen Weg, einen grauen Pixelstreifen auf dem Display, irgendwo rechts neben mir. Jetzt will ich nur noch aus dem scheiß Wald raus. Scheiß auf den Schatz, ich will wieder Stadtmensch sein. Ich kämpfe mich 100m seitwärts vor und da ist er: ein offizieller, von Forstamt-Hand geschaffener Waldweg!!! Jedoch stehe ich auf einer ca. 5 Meter hohen Steilwand mit Schlingpflanzen bewachsen und selbst wenn ich es irgendwie runter schaffe, ist das Stück von der Wand bis zum Weg noch mit 1 Meter hohen Dornengewächs gepflastert. Ich fühle mich wie in einer Jungleprüfung. Aber es gibt kein zurück mehr. Ich wähle in meinem Handy schon mal die 112 vor, damit ich, sollte ich im freien Fall durch die Luft fliegen, noch schnell abdrücken kann. Aber es gibt wohl doch einen Gott und dieser schenkte mir die Schlingpflanzen. Ich schmiss Krückon vor (leider zu weit in die Dornen) und fing an zu klettern. Ein Frage pochte in meinem Kopf: Halten Felsenschlingpflanzen 100 kg Mensch aus?“. Sie hielten. Vom letzen Absatz sprang ich an einen tief liegenden Ast und schwang mich über die Dornen, um dort schmerzhaft mit meiner kurzen Hose zu landen. Ich ergriff Krückon und entlud meinen ganzen aufgestauten Frust an den an mir labenden Dornenarmen. Mit blutigen Waden erreichte ich den Waldweg und fühlte mich trotz Schmerzen doch wie ein Actionheld. Ich habe es diesem Fucking-Wald gezeigt, der kann einpacken!!!

Ich ging ein paar Meter und kam zu meiner Überraschung direkt zum Waldausgang, und zwar dort, wo ich an den Pferdekuppeln rein gekommen bin. Ich bin wieder raus und mein Auto ist in greifbarer Nähe. Ich fühle mich wie ein Krieger, der nach einer epischen Reise nach Hause kommt und doch ist da der fahle Beigeschmack der Schatzniederlage. Ich schaue doch nochmal aufs Handy, das in seinen letzen Akkuzügen vor mir herwimmert. Der Schatz muss ganz in der Nähe sein. Ich bemerke neben dem Waldeingang einen Trampelpfad, der steil nach oben auf eine Art Aussichtsweg führt. Ich humple nach oben; die Werte passen immer mehr zusammen, ich muss nur noch etwas nach Norden, klettern ist wieder angesagt, eine Art Felsengarten tut sich auf, ich bin da! Hier irgendwo muss es sein und das Handy geht aus. Ich rufe ihm hinterher: „Neiiiiiiiiiiiiiiin, verlass mich nicht, tapferer Freund!“ Aber er ist weg. Mit letzter Kraft hatte es mich noch nach Hause geführt und musste dann aufgeben. Dafür hat es immer einen Platz in meinem Herzen. Deswegen muss ich jetzt nach all den über 2stündigen Strapazen für meinen Freund Iphone den Schatz finden, damit es nicht umsonst gestorben ist.

Ich schaue mich um, und mir wird erst jetzt bewusst, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wonach ich überhaupt suche. Was ist der Schatz? Neben mir in den Büschen liegt entweder eine bunte Kinderunterhose oder eine peinliche Frauensocke. Ist das der Schatz. Ich weigere mich, es herauszufinden. Das wäre selbst für Krückon unwürdig. Ich suche alle Büsche, Bäume und Felsspalten ab, doch hier ist nicht Auffälliges. Nach 30 Minuten fühle ich mit matt, erledigt und depressiv. Die Suche hat jetzt auch meinen Akku zerfressen und es schein alles umsonst gewesen zu sein. Ich habe mich auf so eine scheiß Nerdsache eingelassen und habe geglaubt, es hätte wirklich jemand im Wald für mich etwas versteckt. Etwas Geheimes, was nur eine auswählte Gemeinschaft kennt, quasi die Gruppe der Schnitzeltempelritter. Und da sitze ich auf einem Felsen, die Abendsonne strahlt mich an und ich bin allein. Das ist der traurigste Felsen der Welt.

Doch ich will es nicht wahr haben und erweitere den Suchumkreis. Und dann, nach weiteren 10 Minuten, in einer kleinen Felsspalte hinter einem losen Stein ist er da. Ich fische in heraus, halte hin hoch in die gleißende Sonne. Meine Hände zittern, fast 3 Stunden Lebenszeit sind nicht einfach verloren gewesen. Es ist der Schatz!!!!!!!!!! Ein kleines gelbes Plastikkästen wie die vom Fahrradflickzeug, in der sich eine ellenlange Liste befinden, wo man sich verewigen kann in der Ruhmeshalle der Schnitzelritter des „MBC #3“-Ordens. Ich musste weinen und verewigte mich. Ich bin jetzt einer von ihnen. Ich bin ein Geocaching-Nerd.

Wie ein Held stieg ich mit Krückon den Berg hinab und spazierte mit einem eingemeißelten dämlichen Grinsen und aufgeblähter Brust an den Pferdekuppeln vorbei Richtung Auto. Ich habe es geschafft und Sieg oder Niederlage waren auf Messers Schneide wie beim einem Netzroller beim Tennis: Auf welche Seite fällt der Ball. Für mich ist er heute auf Sieg gefallen und hat mir ein wunderbares Abenteuer beschert, wobei natürlich der Weg das Ziel war. Denn eigentlich war ich am Waldeingang schon am Schatz, da ich aber zu doof war, bzw das Iphone die Werte zu langsam nachgeladen hatte, bin ich 2 Stunden den kompletten Wald hoch und querfeldein wieder zurück gelaufen. Aber genau das war das Beste. Und ich habe einen neuen Freund gefunden: Krückon. Er hatte mir so gute Dienste geleistet, dass er heute noch in meinem Kofferraum liegt. Und als ich am nächsten Tag mit einem Kumpel unsere Klamotten für einen gepflegten Seebesuch in den Wagen laden wollten, sah er Krückon und fragte, was das den sein solle. Als ich ihm dann erklärte, wer Krückon ist und was wir erlebt haben, schüttelte er nur den Kopf und sagte:“ Oh, was bist du für ein Nerd!!“
Ja, ich bin ein Nerd; ich bin SCHNITZELTEMPLER-BENSON mit seinem treuen Gefolgsmann KRÜCKON auf der Suche nach weiteren Geocaching-Abenteuern. Vielleicht auch bald bei Dir um die Ecke.

Also dann, einen Extra Iphone-Akku für alle und bis später….

KrükonIphone Kompass
Iphone Kompass
Krükon

posted by Max Trojan in Auf Reisen and have No Comments

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